Samstag, 15. Januar 2011

Sie träumt von Chicago:


Mein Leben schien bis jetzt immer fast perfekt zu laufen. Ich bin Amelie, werde Lie genannt und eigentlich war ich glücklich so, wie es war. Ich bin Klassensprecherin, habe den Schulschwarm Luke als Freund und meine zahlreichen Freunde lieben mich. Doch das war einmal. Jetzt lebe ich auf der Straße von Chicago, und ich kämpfe jeden Tag um das  Überleben. Am Besten fange ich mal von vorne an. Es war ein Tag, wie jeder Andere, und ich ging mit guter Laune zur Schule. In meinen Ohren klangen die harmonischen Klänge eines Klaviers und einem sanften Cello. Es war Winter, und sehr dunkel. Ich schlitterte durch die Straßen, schaute in die Einkaufsstraße, die noch schlief und bewunderte die bunten Schaufenster. Doch plötzlich zog mich etwas aus der Leere nach unten. Ich sah nur noch schwarz. Das einzige, was ich wahrnehmen konnte war der kalte Steinboden unter mir, und die hektischen Stimmen zweier Jungen. Ich fühlte Hände auf meinem Gesicht und meiner Hüfte. Der Schock zog mich noch mehr nach unten, und ließ meine sonst ziemlich laute Stimme keine einzige Sekunde klingen. Ich hätte schreien können, fällt mir heute auf. Ich hätte es tun sollen, oder auch nicht! Denn dann hätte ich niemals das erlebt, was an diesem Tag geschah. Zumindestens merkte ich, dass sie mich hochzogen, und sagten, dass ich bloß schön friedlich sein sollte, ich wäre doch ein gebildetetes, braves Mädchen sei. Ich wollte etwas einwerfen, doch mich bekam ein Schauer voller Angst und Unsicherheit, wie sonst nie, und ich sagte kein Wort. Sie verbanden meine Augen mit einem schwarzen Fetzen Stoff, und sie sagten, ich solle einfach brav ein Bein vor das andere setzen – und ich tat es.
Die Stadt war ruhig, wo auch immer wir waren. Es fühlte sich fast entspannend an, und innerlich fragte ich mich, ob ich gerade das richtige tat. Meine gutverdienenden Eltern hatten mir etwas anderes beigebracht, doch ich glaube, ich wollte endlich mal etwas erleben, mir gefiel das Spielchen.
Also ließ ich mich diesmal auch grob von Leuten anfassen, und ich versuchte rauszubekommen, wo sie hinwollten. Doch sie schwiegen. Bis sie plötzlich leise sagten:’Du Püppchen, jetzt geht’s mit anderen Mitteln weiter. Keine Fragen,keine Strafen.’ Ich schwieg, und ich setzte mich auf den Sitz, zu dem ich gedrückt wurde. Ich hörte ein elektronisches Geräusch – eine Kindersicherung. Jetzt bekam ich langsam Angst, denn warum sollten sie mich einschließen, wenn es nur ein Scherz wäre, wenn alles nur harmlos wäre? Mein Körper fing plötzlich an zu vibrieren, ich wollte es nicht als zittern deuten. Ich hörte zwei Autotüren knallen, und den Motor anspringen. Dann lachten sie, leise und ruhig, aber trotzdem nervös und gespielt. Sie waren jung, das war mir klar, doch wie alt, das wusste ich nicht. Wir fuhren stundenlang, und ich wurde müde. Meine Augen wurden unter der tiefschwarzen Binde schwächer und schwächer, bis ich sie nicht mehr aufhalten konnte.Ich schlief erschöpft ein. Als ich aufwachte, zerrte jemand an mir rum, und rief ‚Aufwachen aus deinem Märchentraum, Hübsche!’ Meine Augen waren immer noch verbunden, und ich fragte noch sehr benommen, wo sie mit mir hinwollten, wer sie ist und wieso ich die auserwählte wäre. Einer der Beiden jungen Männer sagte, dass wir erst die Hälfte der Fahrt hinter uns hätten, sie wollten eine Pause einlegen. Dann schlossen sie das Auto zu, und verließen den Wagen. Ich riss mir den Fetzen von meiner schweißbedeckten Stirn, und öffnete so schnell, wie eben möglich meine Augen. Ich konnte es kaum fassen, auf dem Schild vor uns war ein Schild auf dem alles in Englisch erklärt wurde. Es sah also stark danach aus, dass ich in Amerika gelandet war. Ich betrachtete die Landschaft vor mir, und suchte weiter nach Beweisen. Wie aus dem Himmel gefallen, standen die zwei jungen Männer vor meiner Glasscheibe. Ich kannte diese Gesichter nicht. Es waren junge Gesichter, die mich freundlich aber auch misstrauisch beäugelten. Als sie mich so betrachteten, brach es aus mir aus – ‚könnt ihr mir jetzt bitte erklären, wo wir hinfahren?’.
Darauf fing der linke von den beiden, der jüngere, denke ich, an zu grinsen und sagte lächelnd ‚wir fahren nach Chicago, Liebling!’. Meine sonst schon sehr großen Kulleraugen klappten sich weit auf, und mein Mund verzog sich zu einem geschockten ‚O’. Dann stiegen sie wieder ein, und ich fragte, wieso sie mit mir nach Chicago wollten. Sie blieben stumm, und für die erste Zeit war ich geschockt und überglücklich zugleich. Als ich über alles nachdachte, vielen Tränen aus meinem Gesicht, fast wie Perlen. Sie veranstalteten auf meinem Gesicht eine Art Wettrennen,und sie fielen in dicken runden Kugeln hinunter zu meinen Zehenspitzen. Dann drehte sich der Beifahrer, also der vermutlich jüngere um, und fragte den jungen Mann am Lenkrat, ob er mich aufklären darf. Er zuckte mit den Schultern, und der Junge mit dem Sommersprossengesicht, wie ein kleiner Junge und seinen leicht orangenen Haaren erzählte langsam und leise ‚wir wurden bezahlt….Bezahlt um dich nach Chicago zu bringen. Und weil diese Frage sowieso kommen wird, deine Eltern haben uns bezahlt. Dein Freund weiß davon, und ihm war es egal. Deine Freunde wissen von dem Plan deiner Eltern seit zwei Wochen, und anscheinend haben sie alle ihre Münder gehalten. Es tut mir Leid, dass du dies alles jetzt so erfahren musst, ist bestimmt hart für dich. Sie wollen, dass du ein eigenes Leben anfängst, dir selbst alles aufbaust und auch mal schlechte Zeiten erlebst.’ Ich schaute in ungläubisch an, in sein verträumtes, irgendwie engelsgleiches Gesicht, dass mich mit tröstenden Blick anschaute. Aus meinem Mund bekam ich nur ‚…und wie, wie bitte soll ich das schaffen? Alleine, ganz allein?’, dann schaute er mich an, fast fünf minuten, und sagte: ‚du schaffst das. Du hast bis jetzt alles geschafft – ich glaube an dich!’. Als er dies so selbstsicher sagte, fing ich an ihn zu mögen. Jetzt fing meine sonst so ‚heileWelt’ an zusammenzubrechen,aber auch neu zu beginnen.In diesen Sekunden drehte sich mein Leben in Sekunden,von reich auf arm,von vielen zu allein,von geliebt zu egal,von glücklich auf geschockt ,und von Elternliebung zum Überlebensküsntler. Doch wisst ihr, ich wollte es allen zeigen, beweisen was ich kann, wer ich bin und woher ich komme. Ich war ihnen vielleicht gerade egal, aber sie würden mich niemals vergessen können, niemals, hoffe ich…
Ich wollte ihnen zeigen, dass sie Unrecht hatten, dass ich es alleine schaffen würde, und deswegen schaute ich diesem kindlichen jungen Mann in seine eisblauen Augen und sagte unbeeindruckt:’das denk ich auch.’ Wir fuhren weiter, durch Städte und Dörfer, durch Wälder und Felder, über Autobahnen bis zum Ziel, die Hauptstraße von Chicago. Wir stiegen aus, und ich zog die Großstadtluft in meine Lungen, wie dicker Rauch, einer Zigarre. Doch es gefiel mir, es fühlte sich frei an, das erste Mal in meinem Leben.Ich schaute mich auf diesem überfüllten Platz um, und mir fiel auf, dass diese Straße mehr Leben hatte, als ganz Deutschland. Dass diese Straße mehr Leid und Glück zugleich hatte, als ich je erlebt hatte. Und ich spürte, dass diese Straße mich verändern würde, wie auch immer. Still und taub vor Überwältigung stand ich da, mitten in England, allein, mutterseelenallein, aber glücklich, fast überglücklich. An mir rasten die letzten 16 Jahre vorbei, wie in einem Film, und ich war die Hauptrolle. Ich hatte fast das Gefühl, dass mein Kopf von diesen Momenten platzt, doch das war mir egal, ganz egal. Hier war ich richtig, in dieser Stadt, und ich wollte gar nicht mehr nach Hause, am besten nie mehr. Als ich in die Ferne starrte und gedankenlos war, tickte mich der Fahrer des Autos an, und sagte:’Hier bist du, mach was du willst.Du bist auf dich allein gestellt…’, doch er konnte nicht ausreden, denn der Sommersprossenjunge schaute mich an, und fing an zu reden:’ Ich glaube an dich, wirklich! Pass auf Dich auf, Kleine. Man sieht sich – man sicht sich immer zwei Mal im Leben.’, und dann gingen sie. Von Sekunde, zu Sekunde entfernten sie sich mehr von meiner Gestalt, dann stiegen sie in den blauen Wagen ein, zündeten den Motor, und fuhren los.
Ich schloss meine Augen, und als ich sie öffnete, waren sie verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Doch es war klar gewesen, es war ihr Job. Also lief ich los, mir war egal, wo ich landete, ich hatte nichts zu verlieren,niemand hatte Anforderungen an mich und niemand wollte seinen Willen durchsetzten. Ich entschied mich dazu, dass ich einfach die Gegend kennen lernen wollte, und deswegen lief ich solange, bis ich nicht mehr konnte, weil mein Herzschlag schmerzhaft anfing meinen kleinen Körper zu bremsen. Ich setzte mich auf den Fußweg, und schloss meine verweinten Augen. Ich fing leise an zu singen,und in diesem Moment fielen Tränen.Tränen,die keiner sah,die flossen wie ein Bach über mein blasses Gesicht,doch ich konnte nicht aufhören,und ich wollte nicht,sie zeigten meine blinde Verzweiflung. Umso länger und dicker die Tränen,wie dicke Tropfen von meiner Nasenspitze fiehlen,umso lauter und klangvoller sang ich mir den Schmerz und die Verzweiflung,die Angst und auch die Wut,sogar mein Heimweh von meinem Herzen. Ich sang, immer lauter, immer klangvoller, mit immer mehr Gefühl, holte jede einzelne Emotion des Tages, meine letzte Kraft in dieses eine Lied. Auch wenn die Tränen fast mein komplettes Gesicht mit nassem Salz bedecketen,auch wenn mein Herz immer schneller schlug,trotz dem Schmerz in meinem fast platzenden Kopf,ich wollte alles in dieses Lied geben,endlich einmal alles rauslassen. Und als ich mit voller Erschöpfung,die letzte Strophe sang,und meine Augen langsam öffnetete,als der letzte Satz von diesem Lied angebrochen war,standen unzählige fremde Menschen,mit sonnenberäunter Haut vor mir,applaudierten mir lautstark und legten mir hunderte von Geldscheinen vor meine Füße. Sie schauten mich bewundernd an, und kleine Kinder lächelteten mir zu. Dann fragte eine Frau, mit einem starken Akzent, was dies für ein wundervolles Lied gewesen wäre. Ich überlegte kurz, denn ich hatte mich nur auf meinen Schmerz konzentriert, auf meine Hilflosigkeit und auf meine Ungewissheit hier leben zu können. Doch dann blickte ich auf, sprach mit einem lächeln auf den Lippen und Tränen in den Augen:’Das ist früher mein Lieblingslied gewesen. Es heißst.’Sie träumt von Chicago’. Und jetzt ist es nicht mehr mein Lieblingslied, sondern mein Leben…’, dann schloss ich meine Augen, und ich wusste, dass ich es auch alleine schaffen könnte, ohne jeden, denn ich hatte mich, und ich war in Chicago, der Stadt, der Träume. Ohne jedes Wort nahm ich das Geld in die Hand, steckte es in meine Hosentasche, und ging dem Sonnenuntergang mit meinem sonnigen Gedanken entgegen….

Diesen Text und dieses Gedicht habe ich für einen Schreibwettbewerb heute verfasst,ich würde mich über Meinungen freuen.:*

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

tolle Fantasie ! Habs mir durchgelesen deine Ausprache auch echt toll :'))
Nazli ..

Anonym hat gesagt…

Wow.Verdammt gut.Gefällt ...