Dienstag, 20. Dezember 2011

lieblich rieselt die hoffnung

Ich schaue auf die verschneite Straße, auf die sanft fallenden Flocken aus Kälte. So federleicht, so fein und doch so fasziniertend. Von Jahr zu Jahr. Leider erinnere ich mich jedes Mal, bei diesem wundervoll vorweihnachtlichen Anblick an die letzten Weihnachtstage, an die letzten vor Jahren. Mir fällt immer wieder auf, dass sie grausam waren. Damals, als Opa starb, zehn Tage vor Weihnachten, dachte ich, dieser Feiertag könnte an Schrecklichkeit und traurigen Masken nicht getoppt werden. Doch nein. Ich vermisse ihn, wenn ich unter dem Weihnachtsbaum das gleiche, noch einstudiertere Gesicht aufsetze, als letztes Jahr. Ein zuckersüßes 'Dankeschön', und nach der Geschenkübergabe, so schnell wie eben möglich auf das Gästeklo meiner Tante eilen, um mich auszuweinen. Das siebte Mal in Folge wird es so sein. Sie wissen einfach nichts über mich. Weder, dass mein Vater mir mehr fehlt, als jedem anderem Menschen auf diesem weiten Planten, noch dass diese Maske versteinert auf meinem glücklich gespielten Gesicht festgebrannt ist. Damit sie bloß nicht enttäuscht sind, von mir. Wie schon so oft. Weihnachten ist der Tag, an dem meine Mutter möchte, dass ich mich aufbrezel. Ich kann mir 365 Tage anhören, dass ich es übertreibe, dass ich doch erst sechzehn bin, dass ich mich viel zu oft schminke, dass ich ohne diese Produkte schöner bin. Doch warum besteht sie dann auf hohe Schuhe, gewellte Engelshaare, roten Lipglos und Dior Parfüm? Sie kann mir nichts vormachen, sie lebt ihren Traum in mir. Ich bin gefangen in ihren Wünschen, und wenn sie ehrlich ist, versucht sie mich so zu verbiegen, dass ich ihr gerecht werde. Diese Blicke, jedes mal. Von diesen alten Junggesellen, von meinen Verwandten, von Freunden, verdammt. Bin ich so verzerrbar ? Bin ich so undurchschaubar? Bemerkt denn niemand, dass ich mich so eingeengt fühle, wie ein Tier im Zoo? Eingesperrt, vorgestellt, ausgefragt. Das selbe Spielchen. In der Kirche denke ich nur an Opa, soll mich benehmen und bloß jedem Menschen, der mich anschaut ein strahlend helles Weihnachtslächeln schenken. Wenn ich nur ein Mal, ein verdammtes Mal diese Maske ablegen könnte, und Klartext reden dürfte. Nachdem ich aus der Kirche komme, werde ich von tausenden wildfremden umarmt, die in mir mehr Kälte auslösen, als irgendein Gefühl von Weihnachten, und Liebe. Wäre dies bloß die größte Qual in 13 cm, und Minikleid von Pedophilen Komplimente hinterhergeworfen zu bekommen. Das Essen! Das Schlimmste, was mir passieren konnte. Diese Fragen, diese unwissenden Aussagen, diese verletzenden Urteile. Sie zwingen mich, sie kritsieren ohne einen Hauch von Wissen zu vernehmen, und sie hassen, nur weil ich nicht bin, wie sie. Glücklicherweise. Ich werde niemals an meinem Lebenstil zweifeln, durch Verunsicherung etwas essen oder einfach aus Angst nachgeben. Alles, nur dazu werdet ihr mich niemals kriegen. Nehmt mir alles, aber nicht meine Gedanken. Nicht mein von euch zurechtgeformtes Leben, mit minimalen Abgrenzungen von euer widerlichen Gesellschaft, von euren niveaulosen Kommentaren. Mein Frust durchzieht in diesem Momenten meinen Kopf, mein Herz, und sogar meine Seele fühlt sich durchstochen an. Sie stopfen, sie schmatzen, stecken sich eine Leiche nach der Anderen in ihren vollen Mund. Erzählen mit Stolz, woher die Gans stammt, und geben mir mit kalten Blicken zu wissen, dass es sie anekelt, dass Tiere meiner Meinung nach ein Recht auf Leben haben. Auf ein sorgenfreies Leben, ohne Qualen, Seuchen, Ängste und Schmerzen. Doch das interessiert sie nicht, falls ich aus reiner Provokation Stellung zu ihren ungebildeten 'Wahrheiten' der Wichtigkeit von Fleisch nehme. Dann heißt es 'Halt den Mund! Nicht heute, nicht hier am Tisch. Du bist unmöglich, schäm dich!' Ich sollte mich schämen, für euch. Für eure Einstellung, für diese Äußerung. Ihr ekelt mich mit jedem Happen mehr an. Wenn dann meine Mutter noch bittersüß hinzufügt 'Sie isst ja nichts! Kein Fleisch, kein Fisch. Nichts fettiges.., eben nichts.' Dann wird sie dieses Jahr hinzufügen müssen, dass ich noch 'unvernünftiger' geworden bin. Es wird lauten: 'Könnt ihr euch das vorstellen? Sie hat sich mal wieder selbst übertroffen! Jetzt isst sie garnichts mehr vom Tier! Nichts, ist sie nicht verrückt? Dieses Mädchen raubt mir noch all meine Nerven. "Nichts was ein Leben hat", versucht sie mir zu erzählen.', lachend wird sie unterbrochen werden. Von meiner so sehr gehassten Tante 'Das Mädchen ist nichts für meine Nerven. Schaut sie euch an, diese Aufmerksamkeit, die sie will. Püppchen, du bist auch nichts besonderes, nur weil keine Lebewesen ist. Verstehs doch, du bist und bleibst nur du.' Ja genau, ich bleibe nur ich. Es ist wirklich tausend Mal besser, ich zu sein, auch wenn ich milliarden Fehler und unendlich viele Macken habe, als nur für einen Tag sein zu müssen wie sie. Ich möchte nichts besonderes sein. Ich hätte es gern, wenn es nichts besonderes wäre, dass Menschen die Rechte der Tiere nicht nach ihren Genüssen verletzten, ausbeuten, bis auf die Knochen. Aber sie verstehen es nicht! Sie verstehen mich nicht. Wären diese Diskussionen wenigstens das Ende der Qualen an diesem Abend. Doch wenn meine maskuline Tante dann mit einem unglaublich hässlichen Top, fünf Kleidergrößen zu groß vor mir steht, und es mir noch nicht einmal eingepackt in die Hand drückt, ich lächelnd gezwungen werde zu sagen, dass es wunderschön ist und ich mein unterdrücktes schluchtzen verheimliche, dann hoffe ich in diesen Momenten, dass ich nächstes Jahr ganz weit weg von hier bin. Oder dass mich jemand endlich versteht, dass es jemanden gibt, der mich so liebt, wie ich bin. Es gibt so wenige Menschen, die mich lieben, so wie sie mich kennen, ohne Maske, denn meine Mauer wird erst abgelegt, sobald ich bemerke, dass ich vor Freunden sogar weinen kann. Hässlich sein darf, verzweifelt klingen kann. Von diesen Menschen, gibt es auf dieser Welt genau noch eine Person, die mich versteht, mein Verhalten akzeptiert. Diese Person wohnt leider 150 km weit weg von mir, und nennt sich die schönste beste Freundin, die ich kenne. Jessica, danke! Für jeden Augenblick. Sie kann nicht da sein, nicht an Heilig Abend, nicht wenn ich mich wimmernd in die Ecke des geheizten Badezimmers drücke, um den Druck in meiner Brust entgegen zu bieten. Dann kann sie nicht da sein, meine Hand halten, und sagen, dass ich so bin, wie ich bin. Dass ich so bleiben darf, dass ich niemals an mir selbst zerbrechen darf. Ich habe dies alles so mühsam in dieser intoleranten Familie aufgebaut, ich darf mich nicht selbst zerreißen. Sie können sich einfach nicht vorstellen, was sie anrichten, wenn sie versuchen diese selbstsicheren Schatten zu durchbrechen. Dahinter versteckt sich der Zweifel, der sich an dem Tag angesammelt hat, an dem du mich stehen lassen hast. Im kalten Winterregen, Papa. Mit einer festen, warmen und doch so kaltherzigen, zeilstrebigen Umarmung an mich. In diesen Sekunden wuchs der Zweifel so geschwind, dass ich nicht wusste, ob ich vor mir selbst noch weglaufen kann. War überschwemmt mit einem so scharfen Schnitt, mitten in mein so unschuldiges Mädchenherz. Habt ihr euch niemals gefragt, wieso ich mich so absetzen wollte, von euch? Von eurem Leben? Weil mein Leben mit euren Ansichten nicht mehr lebenswert war! Nichts mehr war ansatzweise mehr wert als meine eigene Unsicherheit. Wenn ich jetzt versunken auf die Straße schaue, um meine Gedanken und Ängste zu sammeln, mit positiver Stimmung an diesen Tag zu denken, fällt mir auf, wie Still Grausamkeit schreien kann. In diesen Köpfen, in diesem so sorgenfreien Wölkchen aus Kristallen, in dem Duft von Zimt und Geborgenheit, und besonders in meinem Herzen.

Kommentare:

Judith Jalapeño hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Judith Jalapeño hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Judith Jalapeño hat gesagt…

Ohh das freut mich aber. :-)
Du schreibst echt ausgesprochen gut, das solltest du niemals aufgeben. :)

Whoa dankeschön, ich freue mich sehr über neue Leser!

Habe gerade deinen Maske abgesetzt- Post gelesen und war erschrocken, wie ähnlich wir uns sind.^^
1. Mir schreiben die Menschen auch immer zu, dass ich Tiere wichtiger finde als Meschen.
2. Ich spiele Gitarre für mein Leben gern. *-*
Da kann man immer schön Frust rauslassen.
3. Meine Freundinnen nennen mich auch Schneewittchen, da ich dunkele Haare habe und extrem blass bin.^^
4.Ich bin eine extrem sensibele Person und ständig nachdenklich.
Deine Beschreibung könnte voll zu mir passen! :D
Echt krass, außer, dass meine Liebe weiter zu Spanien zieht und nicht nach Frankreich. ;)

Ich kenn dich zwar nicht, aber ich mag deine Ansichten voll.^^

Judith Jalapeño hat gesagt…

Ja, lass mal schreiben! Leider habe ich kein SchülerVz mehr. :/
Aber Facebook, nur das Problem ist, ich heiße Ju Dith in Facebook und davon gibt es hunderte! :D
Am Besten, ich schicke dir den Link von meinem Account per E-Mail oder so, weil ich das nicht so toll fände, mein Profil hier zu veröffentlichen. ^^

Judith Jalapeño hat gesagt…

Gibst du mir dann eben deine E-Mailadresse? Dann schick ich dir den Link von meinem Profil. :-)

Judith Jalapeño hat gesagt…

Hab dir den Link schon geschickt :)